Traditionsreicher Ort und giftige sowie sagenumwobene Pflanze

SCHIERLING. Unser Ort „Schierling“ und die Giftpflanze „Gefleckter Schierling“ werden völlig gleich geschrieben, haben aber gar nichts miteinander zu tun. Allerdings ist die Pflanze viele hundert Jahre länger bekannt und in ihrer Schreibweise unverändert geblieben, während unser Ort schon viele verschiedene Namensvariationen führte, bis er schließlich seit 1227 bis heute zum „Schierling“ wurde. Die Pflanze ist insbesondere durch den „Schierlings-Becher“ zu - einem eher zweifelhaften – Ruhm gekommen, denn mit ihm wurde Sokrates, einer der führenden Köpfe der klassischen griechischen Philosophie, im Jahre 399 vor Christus umgebracht.

Als die Sippenverbände der Bajuwaren in der Zeit von 488 bis 520 v. Chr. über die Donau in das südlich gelegene Land zogen, ließ sich ein Mann namens „Skirilo“ – der kleine „Skiro“ – nieder. Er war entweder ein Adeliger oder ein Sippenführer, schreibt Hans Straßer in seiner Chronik aus dem Jahre 2003. Ganz sind sich die Wissenschaftler nicht einig, ob es sich um eine einmalige, geschlossene Einwanderung der Bajuwaren handelte. Doch dass die „ing“-Orte zu den ältesten Siedlungen des Raumes zählen, ist unbestritten.

schierling schriftzug aus dem jahre 1002 zugesch
Der Schriftzug „Schirelinga“ wurde aus einer Urkunde kopiert, die Kaiser Heinrich im Jahre 1002 unterzeichnet hat

Sehr alte „ing-Orte“

Die Annahme, dass die Siedlungsbewegung von der Donau der beiden Laber-Flüsse aufwärts erfolgt ist, bestätigt ein Blick auf die Karte, so Straßer. „Die -ing-Orte enden dort, wo die Täler schmäler und damit auch weniger geeignet für den Ackerbau werden. An der Kleinen Laber ist Laberweinting der letzte größere -ing-Ort, an der Großen Laber Schierling“, ist zu lesen. Paring dagegen sei ein unechter -ing-Ort, der im Mittelalter noch „Bergen“ geheißen habe. Der Ortsname entwickelte sich von Schierlinga über Skirilinga, Schirelinga, Scherlingen, Shirlingen bis Schirling und schließlich erstmals 1227, bestätigt im Jahre 1385, zu Schierling. Den gleichen Namen tragen noch zwei Einöden in den Pfarreien Schnaidsee und Palling, sowie ein kleines Dorf bei Zell am Pettenfirst in Oberösterreich.

„Schierling“ der Doldenblütler

Mit der Giftpflanze „Schierling“ wollen die Bewohner des auf 8200 Einwohner angewachsenen Marktes nichts zu tun haben. Sie haben auch nur die authentische Schreibweise gemeinsam. Der „Gefleckte Schierling“ ist eine Pflanzenart aus der Familie der Doldenblütler. Er gehört mit dem Wasserschierling und der Hundspetersilie zu den giftigsten Arten der Doldengewächse. Die Giftplanze kommt vorwiegend im südlichen Afrika und in Eurasien, aber auch in Mitteleuropa vor. Das ein bis zwei Meter hohe Kraut ist vor allem an Hecken, Zäunen und Gräber zu finden. Der Gefleckte Schierling besteht vorwiegend aus dem Wirkstoff Coniin. Er lähmt das Rückenmark und die Atemwege. Vergiftungserscheinungen äußern sich in Würgen, Atemnot, Ohnmacht, Erblindung, Brennen im Mund und Lähmung der Lunge. Das prominenteste Opfer war der um 470 vor Christus geborene Sokrates. (siehe eigenen Bericht unten).

Giftig und mystisch

Doch um die Schierlings-Pflanze ranken sich noch allerhand andere Geschichten. Von den Wikingern ist aufgezeichnet, dass sie den Schierling als Betäubungsmittel vor Amputationen eingesetzt haben. In der Welt der Griechen wurde der Schierling mit der Toten-, Spuk- und Mondgöttin Hekate in Verbindung gebracht. In ihr vereinten sich bösartige und segensreiche Wesenszüge. Deshalb galt sie als Ratgeberin der Hexen und stand ihnen auch bei kleinen Bösartigkeiten bei, wie Katalin Fischer schon vor Jahrzehnten in der Abendzeitung veröffentlichte. So wurde Korn mit Schierlingssaft getränkt und den Hühnern ausgestreut. Das Stehlen war damit kein Problem mehr, weil das Federvieh schnell ohnmächtig wurde.
Weil die Hexen die Menschheit, solange sie besteht, offenbar nicht losließen, wurden mit Schierling auch „Hexensalben“ hergestellt.

Hexenzeug und Arzneimittel

Die Hexen sollen sich damit vor der Ausfahrt eingerieben haben. Den Salben wurde ein beachtliches Rauscherlebnis nachgesagt. Auch Saxo Grammaticus, dem wichtigsten dänischen Geschichtsschreiber um das Jahr 1200, waren Reisen zu Göttern und ins Jenseits bekannt, die heute als Rauscherlebnis angesehen werden. Ausführlich hat die Wirkung von Schierling schließlich auch der griechische Arzt und Pharmakologe Dioskurides behandelt, der im ersten Jahrhundert eine Arzneimittellehre verfasste, die bis in die Neuzeit das maßgebliche Handbuch der abendländischen Medizin blieb. Wenn die Pflanze im Mörser zerstoßen und auf die Hoden gestrichen wird, soll sie unerwünschte sexuelle Träume und Samenergüsse verhindern. Dies könnte von Bedeutung gewesen sein, weil die meisten Verbindungen zwischen Mann und Frau nicht durch Liebe und Zuneigung, sondern durch Kuppelei aus anderen egoistischen Gründen zustande kamen.

Wundersame Erscheinungen

So soll auch ein Schierlingspflaster das unerwünschte geschlechtliche Begehren gemildert haben. Doch wie die Aphrodisiaka, die potenzstärkenden Mittel, die meistens dem Aberglauben und der damit verbundenen Suggestion entstammten, so wird es auch mit der gegenteiligen Wirkung gewesen sein. Auch Plinius der Ältere, der im ersten Jahrhundert aufgrund des Materials von 470 griechischen und römischen Autoren eine 37 Bände umfassende „Naturalis historia“ verfasste, berichtet von wundersamen Erscheinungen des Schierling. So soll beim Auftragen auf der Brust die Muttermilch versiegen und die jungfräulichen Brüste sollen nicht zu groß werden. Schließlich gab es in der Zauberei ein Räucherpulver, das zur Beschwörung der Toten verwendet wurde. Es enthielt neben dem Schierling auch Bilsenkraut, Safran, Aloe, Opium, Mandragora, Nachtschatten, schwarze Mohnsamen, Saft vom Sumpfeppich, Asa foetida und Sumpfporst.
Das alles spielte sich zum Teil über 2000 Jahre vor der angeblich „guten alten Zeit“ des Biedermeier ab. Wohl niemand wollte behaupten, dass er in der Schierling-Zeit leben hätte wollen. Doch Verschwörungs- und andere eher grobe Theorien scheinen sich bis in die Jetztzeit gehalten zu haben.

Schicksal des Sokrates

Sokrates wurde von der Regierung in Athen 399 vor Christus zum Tode verurteilt, weil er angeblich neue Götter einführen und die Athener Jugend verführt haben soll. Tatsächlich lag Sokrates nach der Darstellung im Lehrbuch „Philosophie“ von Jonas Pfister viel daran, die traditionelle, sich an Ruhm und Reichtum orientierende Auffassung von Glück zurückzuweisen. Sokrates widersprach der Meinung, dass die Tüchtigkeit genau und nur darin bestehe, der Stärkere zu sein und Macht zu haben. Er legte dar, dass jemand, der seine Macht missbraucht, weder tüchtig noch glücklich genannt werden kann. Tüchtig sei vielmehr derjenige, der über Gerechtigkeit verfügt. Dabei sei mit Gerechtigkeit nicht das Recht des Stärkeren gemeint, sondern die Einstellung, das Gute zu tun.

Unrecht tun ist schlimmer als Unrecht erleiden

Schließlich hielt Sokrates am Grundsatz fest, dass Unrecht zu tun schlimmer sei als Unrecht zu leiden. Höchstes Ziel im Leben sei das Glück, und díeses bestehe darin, eine gerechte Seele zu besitzen. Das kam bei den Regierenden in Athen vor gut 2400 Jahren allerdings gar nicht gut an und diese Einstellung wurde ihm zum Verhängnis. Er wurde wegen Gottlosigkeit und Jugendverführung angeklagt und zum Tode verurteilt. Sokrates unterließ eine Flucht, denn er hatte die Einsicht, mit einer Flucht Unrecht zu tun. Als ihm der „Schierlings-Becher“ aus Schierlingssaft, einem Beruhigungsmittel und Wein gereicht wurde, fragte er, wie er sich jetzt verhalten solle. Ihm wurde geraten, nach dem Leeren des Bechers auf und ab zu gehen, bis die Beine einschlafen. Als das Gift den Körper hinaufstieg, legte er sich hin. Bald erreichte die Lähmung sein Herz und er starb. Nicht nur die Griechen, sondern auch die Hebräer und Römer verwendeten dieses Mittel, um Delinquenten vor der Hinrichtung zu betäuben und ihnen damit den Tod zu erleichtern.

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Der „Gefleckte Schierling“ ist eine Giftpflanze, der dem „Schierlings-Becher“ den Hauptbestandteil bildete, mit dem
der griechische Philosoph Sokrates 399 v.Chr. umgebracht wurde

Text sowie Fotos/Repros: Fritz Wallner