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Beeindruckendes Gennßhenkher-Fest

Aushängeschild für den Markt Schierling

Schierling, 08.08.2006. Ein Ort identifiziert sich mit seiner Geschichte und lässt sich davon auch nicht durch Dauerregen abhalten. Das wurde wahr beim „4. Schierlinger Gennßhenkher-Fest“. Mehr als 600 Kinder, Frauen und Männerwaren im Ortskern an der Großen Laber unterwegs als Pikeniere, Marketenderinnen oder einfaches Volk. Sie versetzten Schierling gut 370 Jahre zurück in die Zeit, als die Menschen sehr arm und sowohl durch den Landesherrn als auch durch die feindlichen Schweden ausgelaugt war.

Landser im Festzug
Die "Schierlinger Schützen" beim Exerzieren

Allein mehr als 400 Schierlinger hatten sich historisch eingekleidet und dazu kamen zwölf Gruppen aus ganz Deutschland und aus England. Sehr viele Schierlinger ohne historisches G'wand und ebenso viele Auswärtige zeigten sich solidarisch durch einen außergewöhnlich guten Besuch. Ortsheimatpfleger und „Corporal“ der „Schierlinger Schützen vom Kehlheimer Landfähnlein“, Schorsch Schindlbeck, sorgte mit Posauen und Trommeln für den Auftakt. Er begrüßte zum Übungssschießen auf der Viehmarktwiese bereits viele Hundert Besucher. Die Schützen sollten ihr Können zeigen, um am Sonntag vor den gestrengen Augen des hohen Hauptmanns aus Kelheim bei der Visite bestehen zu können. Als „Hauptmann“ fungierte Friedrich Bronsart, der Vorsitzende des „Fähnleins von der Weyden“ und ehemalige Kommandant des Munitionsdepots. Und der bewies am Schießstand der Schützengesellschaft „Wasservögel“, dass er auch tatsächlich der beste Schütze ist.

Corporal Schindlbeck  
"Corporal" Schindlbeck  

Die Umstände waren in jedem Monat so, dass sich die Schierlinger Schützen zur Verteidigung Ihrer Lieben sowie von Haus und Hof zum Übungsschießen trafen. Wenn der Hauptmann kam, wurde mancher nervös, insbesondere auch die Gemeindeverantwortlichen, die „Herren Sexer“. Doch diesmal hatten sie keinen Grund, denn es klappte alles vorzüglich, so dass – trotz der bitteren Armut – wenigstens von den Oberen kräftig gefeiert wurde.

Rundherum traten Gaukler und Feuerspucker, der Zauberer „Shri Magada“, der A-Capella-Chor, eine Flötengruppe und die Musketiere und Pikeniere von befreundeten Gruppen auf. Der Donnerschlag der Memminger Kanone verschreckte einen Hund so, dass er viele Stunden nicht mehr auffindbar war und manches Kind musste angesichts des unvermittelten Knalls einfach schreien. Sorgen bereitete den Verantwortlichen der steigende Wasserspiegel der Großen Laber. Die Feuerwehr schaffte Sandsäcke heran und einzelne Zelte mussten abgebaut werden. Doch der Freude im Lager tat auch der entstandene Morast keinen Abbruch.

Lagerleben
Trotz Dauerregen herrschte lebhaftes Treiben im Lager

Dann der große Tag: Vor dem Übungsschießen ging's im Festzug zur Kirche. Pfarrer Hans Bock machte deutlich, dass das Fest nicht der Verherrlichung des Dreißigjährigen Kriegs diene. „Das Fest soll zeigen, was wir tun und nicht tun sollen, um den Frieden zu erhalten!“, so des Pfarrers Appell und er führte konkret zurück um 370 Jahre: „Es wurde damals im Dorf weniger um Macht und Ansehen gekämpft als um das nackte Überleben!“, so seine Feststellung, und deshalb brauche sich niemand die „gute alte Zeit“ zurückwünschen. Während des Gottesdienstes wurde das neue von Hand gemachte Banner des „Landsknechtshaufen zu Merchingen“ gesegnet.

Bürgermeister Otto Gascher und die „Sexer“ lobten die viele Arbeit der Gruppe der „Gennßhenkher“ und Gascher stellte ausdrücklich fest, dass ohne Schorsch Schindlbeck so ein großes Ereignis nicht möglich gewesen wäre. Für die Besucher gab es als Eintrittsausweis ein handwerklich hergestelltes Amulett mit der Schierlinger Gans und als Erinnerung ein Bierglas mit dem gleichen Emblem.

Die Gastgruppen

Zum großen Fest reisten folgende historische Gruppen nach Schierling: Tross Aldringen Memmingen und Pikeniere Memmingen, Churbaierisches Regiment zu Fuß von Haslang 1620 Schrobenhausen, Haunsperger e.V. Ergolding, Historische Nürnberger Stadtwache, Verein Landsknechte Delitzsch bei Leipzig, Landsknechtshaufen zu Merchingen, Historische Feuerschützen Memmingen, Als Bella Gerendi Markkleeberg, Fähnlein von der Weyden aus Weiden und Somerset Trayned Band aus Bath in Südwestengland. Sie alle waren begeistert von der Kulisse und von der Atmosphäre dieses Festes in Schierling.

Abschied für den Pfarrer

  Pfarrer Hans Bock
  Pfarrer Hans Bock

Zurückversetzt in die „Gennßhenkher-Zeit“ vor 370 Jahre verabschiedete Ortsheimatpfleger Georg Schindlbeck Pfarrer Hans Bock, der Ende des Monats die Pfarrei Schierling nach 27 Jahren verlassen wird. Als Geschenk bekam er ein historisches Weinglas mit Pfarrkirche und Monogram im Köcher und die Einladung zum Gennßhenkher-Fest „so lange ihr lebet!“.

Nach dem Mittagsmahl der „Herren Sexer“ überraschte Schindlbeck den Pfarrer mit einer in altdeutscher Sprache gehaltenen Verabschiedungs- und Lobesrede. Die „Landshuter Turmpfeifer“ umrahmten mit Flöten, Dudelsack und Trommeln die Feier. Schindlbeck hob hervor, dass Pfarrer Bock nie Aufsehen um seine Person machte. Gerade deshalb sei er so beliebt bei den Menschen. Umringt von Mitglieder der „Gennßhenkher“ pries er den Pfarrer: „Ihr habet nahe an die dreißig Jahr bei uns als Mitarbeiter Gottes in dessen Weinberg gearbeitet und die Reben gepfleget. Freilich konntet ihr nicht jede Reblaus vertreiben und so manch eine Wurzel trotz Euren Bemühens die wühlendt Maus angefressen. Aber ihr habet im Ganzen gute Arbeit geleistet und sei uns dessentwegen ans Herz gewachsen“, so Schindlbeck.

Mit dem Weinglas wollten die Gennßhenkher nach Schindlbecks Worten ermöglichen, dass er die Früchte seiner Arbeit als Winzer Gottes im weltlichen Sinne genießen und trübe Gedanken vertreiben könne. Uns schließlich, „bevor uns nun Frösch im Halse kratzen“, forderte Schindlbeck dazu auf, das Glas für den scheidenden Pfarrer zu erheben.

 

Text und Fotos: Fritz Wallner