Stattlicher Markt

Zur Jahrtausendfeier Schierlings vor 68 Jahren kam das „Zwölfuhrläuten“ des Bayerischen Rundfunks von der Pfarrkirche Schierling – Jetzt steht die Originalaufnahme zur Verfügung.

Als am Sonntag, 20. September 1953 das Zwölfuhrläuten im Radio von der Pfarrkirche Schierling erklang, versäumte das wohl kaum jemand der damals knapp 2700 Schierlinger. Denn es war etwas Außergewöhnliches, für die erst 1949 eingeführte Sendereihe des Bayerischen Rundfunks ausgewählt zu werden. Lange blieb die Originalaufnahme im Verborgenen, doch jetzt wurde sie von Hans-Peter Stöckl digitalisiert, so dass sie der Nachwelt erhalten bleibt und heruntergeladen werden kann. 

Radiobeitrag zur Tausendjahrfeier Schierling 1953

Die Glocken gelten als die akustischen Visitenkarten tausender Dome, Münster, Kirchen und Kapellen in tausenden von Städten, Märkten, Dörfern und Weilern. Sie sind Symbole für erhabene, traurige und wundersame Ereignisse. Wer von Glocken erzählt, erzählt immer auch von Menschen-Geschichten, nicht selten zurück über Jahrhunderte. Auf dieser Erkenntnis basiert das Zwölfuhrläuten des BR im Radio.

Als "eine Botschaft der Heimat an alle" wollte Dr. Alois Fink seine Sendung verstanden wissen, als er sie im Jahre 1949 erfand. Er war damals im Bayerischen Rundfunk der Leiter der Abteilung Hörbild. Die Sendereihe sollte ein Dorf, eine Stadt, oft auch nur eine Kirche, deren Glocken man hörte, sichtbar machen in ihrer Landschaft, ihrer Geschichte. "Während die Glocken läuten, wird aus der Vergangenheit und Gegenwart dieser Orte berichtet werden. Mit der Glocke von Englmar im bayerischen Wald ... beginnt die Sendereihe. Wie in der Schwestersendung 'Wanderungen durch Bayern' soll hier im Kleinen etwas Wesentliches aus dem Bild und Leben unserer Heimat vermittelt werden“, verlautbarte der BR vor 72 Jahren. Der Erfolg gab Fink recht, die Sendung erfreute sich unglaublicher Beliebtheit. In den 1960er Jahren war das Interesse der Städte und Gemeinden so groß, dass es mindestens zwei Jahre Wartezeit gab. Auch heute ist die Beliebtheit ungebrochen.

Es ist heute noch sehr beeindruckend, wie die Autorin Dorothee Kiesselbach (+ 1973) den Ort Schierling damals erlebte und daraufhin ihren Text verfasste, der auch dem heutigen Selbstverständnis der Kommune sehr nahe kommt. Nur immer wieder um aktuelle Strategien und Entwicklungen angereichert. Gedruckt wurde der Text bereits einmal im Jahre 1985, als Wenzel Neumann zusammen mit dem damaligen Kreisheimatpfleger Josef Fendl im Heft 34 der „Beiträge zur Geschichte des Landkreises Regensburg“ die bis dahin gesendeten 12-Uhr-Läuten aus dem Landkreis Regensburg dokumentierte.

Der Text von Kiesselbach hat diesen Wortlaut: „Zwischen Landshut und Regensburg, wo das Land sich in weichen Wellen dehnt, und die Große Laber in weitem Bogen fließt, liegt Schierling, ein stattlicher Ort, in dem sich Dörfliches und schon fast Städtisches miteinander verbinden. Geduckte alte Häuser und breite moderne Bauten stehen beieinander, Handwerk und Landwirtschaft bestimmen das Bild von Schierling. Wer es nicht weiß, der kann es an diesem Bild nicht ablesen, dass Schierling 1000 Jahre schon besteht. Es ist im Jahr 953 zum ersten Mal erwähnt worden, als Kaiser Otto der Große die Stadt Regensburg belagerte und sein Hauptquartier einmal in Aufhausen und einmal in Schierling aufschlug. Manche Urkunden aus jener Zeit sind in Schierling ausgefertigt mit Datum und Siegel. Und 20 Jahre hernach schenkte der Kaiser seine Kammergüter zu Schierling an das Kloster Niedermünster, das hier seine wirtschaftlichen Propsteien errichtete.

Wo heute die Pfarrkirche auf ihrem Hügel steht, soll einst die Burg der Grafen von Schierling gestanden haben; so hat man aus alten Mauerresten geschlossen, aus denen der Kirchturm erbaut ist, und das steinerne Relief, das in die Wand gemauert ist, ist noch ein Zeugnis vom gotischen Kirchenbau: Christus am Ölberg. In gotischen Minuskeln steht unter den Figuren geschrieben: ‚Anno domini 1418, da wars Peter Spanagl Zechmaist und Anfang des Paus.‘ Dreihundert Jahre lang stand der Bau, bis 1720 die neue Kirche errichtet wurde, das Wahrzeichen von Schierling.

Noch eine zweite Kirche hat Schierling, die Nikolaus-Kapelle, die auf der anderen Seite der Laber zwischen den Bauernhäusern versteckt Ist. Und zwischen diesen beiden Kirchen liegt dicht am Wasser das Schloß mit den Wirtschaftsgebäuden: Mittelalterliches, barock überbaut. Rundbogig sind die Tore, und die Giebel haben weit ausladende Voluten. Ein Weiher mit Linden und Erlen umschließt das Schloß, und so steht es hier, abseits der Straße, als ein Zeugnis des 1000-jährigen geschichtlichen Lebens von Schierling. In Glanz und Not, in Zeiten, da Kriege über den Ort zogen, wie in Zeiten des Wohlergehens ist Schierling zu dem geworden, was es heute darstellt: Ein stattlicher Markt im fruchtbaren niederbayerischen Land.“

Glocken

Das zu hörende Geläut der Pfarrkirche ist unverkennbar und stammt von den vier Glocken aus Eisenhartguss, die vor genau 100 Jahren dort ihren Platz fanden. Über deren Vorgeschichte haben wir bereits am 24. Februar diesen Jahres ausführlich berichtet.

Bildunterschriften:

01&02: Die Pfarrkirche ist das Wahrzeichen des Ortes Schierling, was auch beim historischen Festzug zur Jahrtausendfeier am 28. Juni 1953 mit einem eigenen Motivwagen gezeigt wurde

03: Die Originalaufnahme des Zwölfuhrläutens aus Schierling vom 20. September 1953 ist auf einer Schallplatte erhalten, die jetzt digitalisiert wurde

04: Auf dem Schallplatten-Cover des Zwölfuhrläutens hat der damalige Gemeindediener Josef Westermaier mit seiner unverkennbaren Schrift vermerkt: „Glocken von Schierling – Jahrtausendfeier 1953“

05: Die beim Zwölfuhrläuten zu hörenden Glocken wurden im Jahre 1921 im Turm befestigt

Text und Bilder: Fritz Wallner