
Mit einer eindringlichen und tief bewegenden Gedenkfeier hat der Markt Schierling am 30. Oktober an das Schicksal von Theres Wallner erinnert. Die Schierlingerin wurde vor 85 Jahren Opfer des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms – eines der grausamsten Verbrechen des NS-Regimes, dem über 70.000 Menschen allein im Rahmen der „T4-Aktion“ zum Opfer fielen.
Die Veranstaltung in der Pfarrkirche Schierling sowie im anschließenden Empfang im Alten Schulhaus stand unter dem Leitwort „Nie wieder ist jetzt“ und wurde von zahlreichen geladenen Gästen besucht, darunter Landtagspräsidentin Ilse Aigner, politische Vertreter aus Bund, Land und Kommune sowie Angehörige der Ermordeten.

Ein Schicksal, das wachrüttelt
In bewegenden Worten zeichnete Fritz Wallner, ein Verwandter der Ermordeten, den Leidensweg von Theres Wallner nach. Die 1891 geborene junge Frau litt als Jugendliche unter Angstzuständen und wurde aufgrund der schlechten psychiatrischen Versorgung ihrer Zeit in Heil- und Pflegeanstalten eingewiesen. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde sie als „unwertes Leben“ eingestuft. Am 4. November 1940 wurde sie in die NS-Tötungsanstalt Hartheim bei Linz deportiert und dort ermordet. „Der erhoffte ‚Frühling‘ des Jahres 1933 wurde zum tiefsten Winter unserer Geschichte“, zitierte Fritz Wallner einen Lehrer jener Zeit. Sein Appell richtete sich besonders an die junge Generation: „Seid wachsam.“

Ilse Aigner: „Dieser Abgrund darf sich nie wieder auftun“
Landtagspräsidentin Ilse Aigner betonte in ihrer Rede die Bedeutung des Gedenkens angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen: „Wir brauchen diese Erinnerung – mehr denn je. Denn da, wo radikale Kräfte wieder rassistische und menschenverachtende Ideen aufgreifen, müssen wir klar und entschlossen widersprechen.“ Aigner warnte vor dem erstarkenden Judenhass und zunehmendem Rassismus und verwies auf aktuelle politische Aussagen, die Menschen mit Behinderung erneut ausgrenzen wollen. Sie dankte Fritz Wallner ausdrücklich für sein Engagement: „Sie machen unsere Geschichte greifbar – besonders für die jungen Menschen.“

Ein Abend voller Symbole und Mitwirkung junger Menschen
Die Gedenkfeier war auch geprägt von zahlreichen Beiträgen der Schülerinnen und Schüler der Placidus-Heinrich-Schulen, der Realschule Oberroning sowie der Nardini-Realschule Mallersdorf-Pfaffenberg.
Sie gestalteten Texte, szenische Darstellungen und legten symbolische „Stolpersteine“ aus Pappe in den Gängen der Pfarrkirche aus. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von Kunibert Schäfer an der Orgel, Liedermacher Alfred Stadler und den „Schäfer-Mädels“. Pfarrer Bernhard Pastötter erinnerte in seinem Gebet an alle, denen die Nationalsozialisten das Lebensrecht abgesprochen hatten.

Kranzniederlegung und Abschluss
Am Ende der Feier wurde an den Stufen des Altarraums – neben einem großformatigen Bild des in Schierling verlegten Stolpersteins für Theres Wallner – ein Kranz niedergelegt.
Anschließend lud die Marktgemeinde zu einem Stehempfang in das Alte Schulhaus ein. Bürgermeister Christian Kiendl dankte allen Mitwirkenden und unterstrich die Verantwortung der heutigen Generation:
„Dieses Gedenken zeigt, wie wichtig das ‚Nie wieder‘ ist. Theres Wallner steht stellvertretend für unzählige Menschen, deren Würde missachtet und deren Leben ausgelöscht wurde. Artikel 1 unseres Grundgesetzes verpflichtet uns alle – jeden Tag.“

Historische Einordnung aus Hartheim
Florian Schwanninger, Leiter des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim, würdigte die Schierlinger Initiative. Er betonte die schwierige Aufarbeitungsarbeit, da die Täter nahezu alle Unterlagen vernichtet hatten:
„Die Täter wollten keine Spuren hinterlassen.“
Dank mühsamer Forschung konnten inzwischen rund 23.000 Opfer namentlich rekonstruiert werden.

Bildunterschrift: Landtagspräsidentin Ilse Aigner (am Pult) trug sich in Schierlings Goldenes Buch ein. Mit dabei waren (von links): Altbürgermeister Otto Gascher, Pfarrer Bernhard Pastötter, Patrick Grossmann (MdL), Peter Aumer (MdB), die Gemeinderäte Alfons Keck und Florian Paulik, Bürgermeister Christian Kiendl, Landrätin Tanja Schweiger, Magister Florian Schwanninger und Organisator Fritz Wallner.
Bilder: H.C. Wagner
